Das Leben mit einem Schreibaby

Es war einmal der Zweifel, der mich fast fünf Monate begleitete. Zweifel, der aussagte eine schlechte Mutter zu sein, die ihr Kind nicht versteht, der tausend Fragen aufwirft und das Bauchgefühl außer Kraft setzt. Ja, wir hatten ein „Schreibaby“. Ich habe einmal gehört, ein Baby bekommt diesen „wundervollen“ Titel verliehen, wenn es mehr als drei Stunden am Tag, an drei Tagen die Woche und drei Wochen am Stück schreit. Aber diese Definition braucht man als Eltern nicht.

Der Anfang mit einem kleinen Würmchen ist besonders holprig, anstrengend, kräftezehrend und ermüdet. Ich habe das Gefühl, unser Schwierigkeitsgrad wurde erhöht und es folgten Gefühle der Machtlosigkeit, Verzweiflung und manchmal auch Wut. Bei jedem Dauerschreien die Frage, was hat er nur. Ich zweifelte irgendwann an mir als Mutter, wenn nichts mehr half. Nahm den Kleinen stundenlang dauernuckelnd an die Brust, bis er auch diese anschrie. Mitten in dieser Situation sieht man kein Ende, keinen Lichtblick, auch wenn man sich immer wieder vorhält, dass es besser wird. Trotz tragen, stillen, Familienbett und ohne Blockaden oder ähnliches wurde es aber nicht besser. Ich suchte Erklärungen: War etwas im Geburtsverlauf schief gelaufen? Ist es evtl erblich, immerhin beschrieb mich meine Mutter ähnlich als Baby?

Ich googlete nach Antworten, nach Bestätigung und ähnlichen Erfahrungen, denn meine Außenwelt trat eher mit Worten an mich wie: Jedes Kind ist wie es ist. Es wird schon irgendwann besser werden oder jedes Kind ist anstrengend. Vielleicht manchmal gut gemeinte Worte, die bei mir jedoch nur Zorn schürten, weil ich mich unverstanden und allein fühlte. Ich verfluchte Mütter, die ihre Babys bei Müdigkeit nur hinlegen brauchten. Mütter, die ihr Kind mit Streicheln, Singen oder Tragen beruhigten. Ich bin immer noch neidisch, die Wut ist verschwunden. Viele Tränen sind im ersten Lebensjahr geflossen, es war eine der härtesten Zeiten in meinem Leben. Heute fühle ich mich manchmal um die ersten Monate beraubt.


Mögliche Erklärungen für sein Verhalten und das viele Schreien fand ich im Internet. Ich las von Anpassungsstörungen, Schreibabys und High-Need-Babys und fühlte mich nicht mehr allein. Der kleine Mann konnte und kann nur schwer abschalten. Nur mit meiner Anwesenheit in den Schlaf zu finden ist für ihn auch jetzt mit über einem Jahr undenkbar, er braucht die Brust als Nuckel und schläft nur im Bett. Er ist schnell überreizt und überfordert von zu vielen Menschen und Situationen, ist schreckhaft und braucht einen sehr festen Rhythmus. Mit 4 1/2 Monaten legte sich wie eine Art Schalter bei ihm um, plötzlich schrie er nicht mehr stundenlang, mit 11 Monaten wurde er ausgeglichener. Ich stehe seinen Gefühlen nicht mehr machtlos gegenüber und das Miteinander ist entspannter geworden.

Ich habe lange gebraucht, um die Situation so anzunehmen wie sie ist, dafür musste ich vor allem selbst reifen und mein Kind verstehen. Weg von der Ursachensuchen, was mir weitaus schwerer viel als meinem Freund. Alles, was kommt, wird gewickelt, trotzdem wünsche ich mir als nächstes Kind ein „Anfängerbaby“. Das mag vielleicht egoistisch klingen, aber etwas anderes zu behaupten, wäre falsch.

Liebste Grüße,

eure Friederike

 PS.: Hier noch ein paar schöne Worte für alle, die sie gerade brauchen:

„Aber ob nun „Schreikind“, „High Needs Baby“ oder „untröstlich weinendes Baby“- es wird schnell klar, dass diese Kinder ihre Eltern besonders herausfordern. Doch auch wenn die Gesamtsituation sehr angespannt und anstrengend ist, gehören diese Eltern wahrscheinlich sogar eher zur entspannteren Sorte, da Kinder, die besonders viel brauchen, meist in den Armen von Eltern landen, die besonders viel geben und aushalten können. Es sind nicht selten sehr starke Eltern, auch wenn sich das phasenweise für sie selbst ganz anders anfühlt.“   Anja- Blog VongutenEltern

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