Warum wir bisher kindergartenfrei leben

Freitagslieblinge

Zwei Jahre bin ich nun Mama, sind wir Eltern und gleichzeitig die Hauptbezugspersonen, Betreuer, Tröster, Beruhiger usw. für unseren Sohn. Und wir sind vor allem eines, rund um die Uhr mit ihm zusammen. Das ist in meinem Umfeld eine Seltenheit. Denn hier im dörflichen Osten gehen die Kinder meist mit einem Jahr in die Kita. Ist so schnell kein Platz frei, kommen die Eltern in Bedrängnis, denn mit dem Beginn der Betreuung endet oft die Elternzeit.

Auch meine Vorstellung von Fremdbetreuung richtete sich lange nach diesem allgemeinen Konsens und dennoch fühlte es sich nicht richtig für mich/ uns an.

Unsere Geschichte

Als der kleine Mann zehn Monate alt war, wagten wir den ersten Versuch bei einer Tagesmutter. Ein Schnuppernachmittag, an dem wir uns alles anguckten, Fragen klärten und unser Sohn sich nebenbei angeregt mit dem Spielzeug beschäftigte. Eigentlich war alles prima, doch irgendwo fanden sich doch Kritikpunkte und Unsicherheiten. Vor allem kam die Frage auf, sollten wir ihn überhaupt schon mit einem Jahr in Betreuung geben? Das Sozialisationsargument schwang unterbewusst immer mit. Wir entschieden uns dagegen.

Mit 1 1/2 Jahren bekamen wir einen Kitaplatz in unserer damaligen Stadt zugesagt. Wieder hatten mein Freund und ich ein mulmiges Gefühl, wenn wir daran dachten, den Kleinen halbtags abzugeben. Lange hielt dies nicht an, denn unser Umzug wurde geplant. So gaben wir den Betreuungsplatz ab. Es fühlte sich an wie ein befreiender Aufschub.

Unser Umfeld hatte sich bis dahin kaum dazu geäußert, dass der kleine Mann ganztags zu Hause war. Dies änderte sich langsam, je näher der zweite Geburtstag rückte. Die Kinderärztin fragte nach und ich erinnere mich an eine Begegnung mit dem Postmann, der mitleidig den kleinen Mann auf meiner Hüfte anguckte als ich die Tür öffnete und sagte: Ach ist der Kleine krank, dann wünsche ich gute Besserung. Für ihn war also klar, der Kleine kann nur aus Krankheitsgründen zu Hause sein. Wir gehörten in unserem Umfeld immer mehr zur Ausnahme.

Nach unserem Umzug ins Heimatdorf nahm ich wieder Kontakt mit einer Tagesmutter auf. Denn auch wenn ich mir durchaus weitere Monate „kindergartenfrei“ vorstellen konnte, wurde mir etwas mulmig bei dem Gedanken, dass ich ab Juni mit Kleinkind und Neugeborenen alleine zu Hause wäre. Eine Elternzeit von meinem Freund ist bisher nicht sicher und ich erinnerte mich, wie ich die ersten zwei Wochen nach der letzten Geburt „ausgenockt“ war.

Also wieder ein Kennenlerntreffen mit einer Tagesmutter und wieder ein mulmiges Gefühl, bei der Vorstellung von Fremdbetreuung. Auch war und ist der kleine Mann derzeit nicht sehr begeistert, wenn ich das Thema Kindergarten oder Tagesmutter anspreche. Es ist ihm sehr wohl bewusst, dass er dort ohne Mama und Papa wäre, egal wie oft ich ihm versichere, dass wir ihn nicht von jetzt auf gleich dort absetzen und verschwinden. Fällt das Wort Kindergarten (egal in welchem Kontext), antwortet er sofort in einem weinerlichen, fragenden Ton „Mama?, Papa?“. Dabei haben wir nie negativ über Fremdbetreuung gesprochen oder die Schnupperstunden bei den Tagesmüttern als baldige Betreuung deklariert.

Für uns ist es das Signal, er möchte zur Zeit keine Fremdbetreuung. Ich denke, mit zwei Jahren, ist es durchaus möglich Kindern solche Entscheidungen treffen zu lassen. Also kam es auch bei der letzten Tagesmutter zu keinem Betreuungsvertrag. Seitdem leben wir bewusst „kindergartenfrei“. In den nächsten Monaten werden wir diesen Weg gehen und sollte der kleine Mann doch irgendwann mal einen Kindergarten anschauen wollen, werden wir das gerne tun. Geblieben sind trotzdem einige Ängste, die vor allem um die Frage kreisen: Wie viel Kontakt mit anderen Kindern muss ich organisieren, dass mein Kind sich gut entwickeln kann?

Liebste Grüße,

Eure Friederike

PS.: Mir ist bewusst, dass wir sehr wohl privilegiert sind und somit überhaupt die Wahlfreiheit haben, kindergartenfrei zu praktizieren. Ich möchte unseren Weg auch nicht als den einzig Richtigen sehen. Es ist bisher unser Weg und er fühlt sich für uns gut an. Wenn Ihr mehr über diese „Bewegung“ kindergartenfrei wissen wollt, schaut gerne HIER vorbei.

7 Kommentare

  1. Guten Morgen!
    Ich habe es nie als Bewegung wie „kindergartenfrei“ gesehen, aber für mich und für uns war von Anfang an klar, dass das Töchterchen erst mit 3 Jahren in den Kindergarten kommt. In meinen Augen geht sie bis zum Schulbeginn dann immer noch lang genug dorthin. 5 oder gar 6 Jahre Kindergarten finde ich zu lang. Und ich möchte die ersten Jahre mit Kind/ern bewusst hier zuhause erleben, ohne schon so früh rechtzeitig irgendwo sein zu müssen usw. Klar, das ist v. a. eine finanzielle Frage und ich bin mir noch nicht sicher, wie wir das ohne Elterngeld und nur mit dem Teilzeitgehalt meines Mannes wuppen sollen, aber ich bin mir sicher, dass wir einen Weg finden werden.
    Viele Grüße,
    Gesa

    • Ich bin gespannt, ob es sich bei uns auch in die Richtung Kindergarten ab 3 Jahren entwickeln wird. Wir behalten uns aber mittlerweile die Option gar kein Kindergarten oder Betreuung erst mit 4 oder 5 Jahren vor (vorausgesetzt, wir können das beruflich stemmen). Die finanzielle Frage ist natürlich sowie so immer sehr schwierig.
      Welche Unterstützung wirst du von deinem Umfeld nach der baldigen Geburt bekommen? Ist dein Mann dann erst einmal zu Hause?

      Liebe Grüße

      • Hey! Mein Mann wird den ersten Monat Elternzeit nehmen und dann den 12. Lebensmonat. Außerdem sind meine Eltern in der Nähe. Aber ich bin ganz optimistisch, dass das alles funktioniert. Klar, stressig wirds wohl werden, aber es ist ja absehbar. In ein paar Jahren werde ich mich vermutlich gerne an die Zeit erinnern – während ich total ausgeschlafen bin 😉
        Wie handhabt ihr das dann im Sommer? Wie lange hatte dein Mann/Freund jetzt Elternzeit?
        Liebe Grüße!

  2. Guten Abend, ich habe lange ähnlich empfunden wie du. Wir haben einen Versuch in Richtung Kita unternommen als unsere Tochter 1,5 Jahre war. Sie hat sich bewusst dagegen entschieden. Seitdem ist sie wieder daheim, mittlerweile hat sie Unterstützung von ihrem Babybruder😊 ich kann dir also Mut machen, es ist alles möglich mit freier Zeiteinteilung und ohne Stress pünktlich in der Einrichtung sein zu müssen. Ich weiß auch , dass wir priviligiert sind , was diese Wahlfreiheit angeht aber ich genieße jede Sekunde mit den Kindern. Das einzige was mir öfter zu schaffen macht , ist das Unverständnis in unserem Umfeld.(wir leben übrigens auch im dörflichen Osten) Euch alles Liebe

    • Schön, von Mamas zu hören, die sich bewusst dafür entscheiden. Das macht wirklich etwas Mut. 🙂 Besonders in den Wintermonaten hat man doch häufiger mal Zweifel, wenn Gegenwind von außen kommt.

  3. Ich finde es toll was ihr für Entscheidungen trefft und wie toll ihr dazu steht. Ich kenn es selbst ständig anzuecken und keiner ist zufrieden mit dem was man für sich und sein Kind entscheidet. Ich würde mir wünschen unsere kleine auch länger zu Hause lassen zu können, allerdings weiß ich nicht wie es mit dem Geld dann weitergehen soll… ich finde es traurig dass es in Deutschland so ist, dass die meisten nach einem Jahr in die Krippe müssen, weil das Geld nicht reicht. Und wie gern hätte ich eine Zwischenlösung. Man bringt das Kind 1-2 Tage in die Krippe und den Rest zu Hause oder halt mal gar nicht in die Krippe … aber leider kenne ich so ein Modell nicht. Denn meistens muss man ja monatlich bezahlen und nicht nach Tagen.

    • Wenn du nach einer Zwischenlösung suchst, wäre vielleicht eine Tagesmutter für euch eine Idee. Auch wenn diese evt. voll bezahlt werden muss, ist man dort flexibler und kann je nach Bedarf Betreuung beanspruchen. Diese Möglichkeit hätten wir gehabt.
      Aber du hast Recht, oft ist es eine Frage des Geldes, ob und wann die Kleinen in die KiTa müssen.

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